Du hast nicht nur eine Persönlichkeit | Die Vier Charaktere nach Dr. Jill Bolte Taylor

Mai 3, 2026

Wir haben nicht nur eine Persönlichkeit, sondern ganze vier Charaktere, die unser Denken, Fühlen und inneren Frieden beeinflussen.

In diesem Artikel erfährst du alles über das 4-Gehirn-Anteile Modell nach Dr. Jill Bolte Taylor, und wie es dir helfen kann, weniger Angst, mehr Bewusstsein und mehr inneren Frieden zu erleben.

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Warum Dr. Jill Bolte Taylor mich fasziniert

Wer von euch erinnert sich noch an Dr. Jill Bolte Taylor, die Neurowissenschaftlerin, die 2008 einen TED Talk gegeben hat, in dem sie von ihrem Schlaganfall erzählte?

Ihr Arm war paralysiert, sie konnte nicht mehr sprechen — und gleichzeitig befand sie sich in einem Zustand tiefer Euphorie und Glückseligkeit.

Wie ist das möglich?

Vor ein paar Monaten war Dr. Taylor in einem Podcast zu Gast, den ich unheimlich spannend fand. Aufgrund ihrer Erfahrung hat sie einige überaus interessante Konzepte entwickelt; zum Beispiel, dass wir nicht nur eine Persönlichkeit haben, sondern ganze vier Persönlichkeitsanteile.

Und wenn wir lernen, diese Anteile gemeinsam agieren zu lassen, können sie uns dabei helfen, erfülltere Menschen zu werden, weniger Angst zu erleben und mehr inneren Frieden zu finden.

Was mir besonders gut gefallen hat: Viele spirituelle Konzepte, die ich kenne, werden hier auf wissenschaftliche Weise erklärt. Das finde ich immer besonders schön, weil es mir zeigt, dass es irgendwie immer um das Gleiche geht, auch wenn wir es von verschiedenen Seiten beleuchten.

Vielleicht sind wir alle hinter dem Gleichen her — auch wenn es sich ganz unterschiedlich ausdrückt.

Der Schlaganfall

Zuerst zu der Frage: Warum war Dr. Taylor in einem euphorischen Zustand trotz eines Schlaganfalls?

Sie erlitt 1996 eine massive Hirnblutung in der linken Gehirnhälfte, verursacht durch eine angeborene Gefäßfehlbildung im Gehirn, eine sogenannte AVM — also eine arteriovenöse Malformation, wenn es jemanden interessiert.

Diese Blutung schädigte große Teile der linken Hemisphäre, insbesondere Bereiche, die verantwortlich sind für Sprache, lineares Denken, analytische Verarbeitung, zeitliche und logische Strukturierung.

Es dauerte ganze acht Jahre, bis sie sich dank Neuroplastizität Schritt für Schritt ihre sprachlichen, kognitiven und organisatorischen Fähigkeiten vollständig zurückerarbeitet hatte.

Aber — und das ist spannend — wie sie selbst sagt: Die „alte Jill“ war verschwunden.

Die ehrgeizige Harvard-Absolventin mit großen Karriereplänen war nicht mehr da. Statt ihrer war da plötzlich eine Jill, die das Leben als ein Wunder bezeichnet und jeden Tag darüber staunt.

Die „alte Jill“ war verschwunden.

Nachdem große Teile ihrer linken Hemisphäre ausgefallen waren, fühlte sie sich nicht mehr als „Ich“, nicht mehr als Individuum.

Sie war vollkommen im Hier und Jetzt. Sie beschreibt es als eine weite, offene Erfahrung — so groß wie das Universum —, in der man erkennt, wie alles miteinander verbunden ist.

Das konnte sie empfinden, weil diese Anteile ihres Gehirns noch funktionierten. Aber sie als Person, als individuelle Identität, war verschwunden, weil diese stark mit der linken Gehirnhälfte verbunden ist.

Wir in unserer Gesellschaft 

Dr. Taylor betont, dass wir als Gesellschaft genau diesen linken Anteil besonders trainieren und glorifizieren.

Etwas, das ich mir übrigens auch oft gedacht habe. Denn wenn man sich so umsieht, hat man den Eindruck, dass alles, was mit dem Intellekt zu tun hat — strategisches Denken, Analysieren, Argumentieren, Leisten — besonders honoriert und anerkannt wird.

Wir lernen, Probleme zu lösen — aber nicht unbedingt, Gefühle wahrzunehmen.

Wir lernen zu argumentieren — aber nicht unbedingt, präsent zu sein.

Wir lernen, uns zu definieren — aber nicht unbedingt, uns verbunden zu fühlen.

Alle wollen sich optimieren, und manchmal hat man das Gefühl, wir Menschen wären lieber Roboter: immer effektiv, immer produktiv. Statt Organismen, die auch mal Ruhe und Zeit für Wachstum und Neuerung brauchen.

Die rechte Hemisphäre hingegen — also der mitfühlende, gegenwärtige und visionäre Anteil — wird oft weniger bewusst kultiviert.

Dr. Taylor selbst sagt, sie möchte Menschen dabei helfen, das Werkzeug besser zu verstehen, mit dem sie ihr Leben bewusst gestalten können: das Gehirn.

Vielleicht ist unser Gehirn nicht nur ein Denkorgan — sondern auch ein Werkzeug für inneren Frieden.

Das Vier-Teile-Modell des Gehirns

In Taylors Modell beschreibt sie das Gehirn als in vier Bereiche gegliedert. Jeder Bereich bringt bestimmte Fähigkeiten hervor, und diese Fähigkeiten zeigen sich als unterschiedliche Persönlichkeitsanteile.

Wichtig ist: Wir haben alle vier Anteile — aber meist dominiert einer.

Man kann sich das so vorstellen, als hätte jeder dieser vier Anteile ein Mikrofon und würde um Aufmerksamkeit buhlen. Oft geben wir vor allem den linken Anteilen das Mikrofon, während die anderen kaum zu Wort kommen.

Wenn wir aber mit Hingabe leben wollen — auch in schweren Momenten — und wenn wir mehr Zusammenhalt, Gemeinschaft und inneren Frieden erleben möchten, dann müssen wir alle Teile gleichermaßen gewähren lassen.

Und sie sollen sich gegenseitig unterstützen.

Ein wichtiger Hinweis: Das Modell von Dr. Taylor beschreibt keine starren anatomischen Regionen im Gehirn. Es ist eher ein funktionales Modell — eine Art innere Landkarte zur Selbstbeobachtung. Die beschriebenen Anteile stehen für unterschiedliche Funktionsweisen, die in Wirklichkeit eng miteinander vernetzt sind und sich gegenseitig beeinflussen.

Wir haben nicht nur eine Stimme in uns. Wir haben mehrere — und jede erfüllt eine Aufgabe.

Die vier Charaktere nach Dr. Jill Bolte Taylor

Der erste Charakter ist das linke denkende Gehirn. Das ist der Teil von uns, der logisch analysiert, plant und strukturiert. Er liebt To-do-Listen, organisiert Abläufe und arbeitet zielorientiert. Dieser Anteil fragt sich ständig: „Was muss ich tun?“ Er hilft uns, unseren Alltag zu bewältigen, Entscheidungen zu treffen und produktiv zu sein. Ohne ihn würden wir im Chaos versinken.

Der zweite Charakter ist das linke emotionale Gehirn. Hier entsteht unser Ich-Gefühl — also die persönliche Geschichte, die wir über uns selbst erzählen, mit unseren Erinnerungen an vergangene Verletzungen und Erfolge. Dieser Anteil fragt: „Was denken die anderen über mich?“ Er kann sensibel, ängstlich oder auch dramatisch reagieren, besonders wenn er sich bedroht oder nicht gesehen fühlt. Gleichzeitig gibt er uns Identität und das Gefühl, eine eigenständige Person zu sein.

Der dritte Charakter ist das rechte emotionale Gehirn. Dieser Anteil lebt im Hier und Jetzt. Er nimmt wahr, wie sich etwas gerade anfühlt, ohne es sofort zu bewerten. Hier entstehen Mitgefühl, Dankbarkeit und das Gefühl von Verbundenheit. Dieser Teil fragt: „Wie fühlt sich das gerade an?“ Er ermöglicht uns Empathie, Kreativität und tiefe zwischenmenschliche Verbindung.

Der vierte Charakter ist das rechte denkende Gehirn. Das ist unser visionärer Anteil. Er denkt in großen Zusammenhängen, erkennt Muster und sieht Möglichkeiten. Dieser Teil fragt: „Was ist möglich?“ Er liebt Neues und Veränderung und sieht das große Ganze.

Wenn nur zwei von vier Anteilen am Steuer sitzen, wird unser Leben eng.

Wie wir die vier Anteile bewusst kennenlernen

Gut, wie machen wir uns dieses Wissen jetzt zunutze? Und wie sollen wir diese vier Anteile in Einklang bringen?

Taylor erklärt, dass es darum geht, die vier Charaktere wirklich kennenzulernen und zu studieren.

Zuerst beobachtet man sich und fragt sich: Welcher Charakter ist gerade aktiv?

Bin ich gerade am Planen? Bin ich gereizt? Bin ich verspielt? Oder bin ich ruhig und weit?

Und dann studiert man diese Anteile genau:

  • Wie fühlen sie sich im Körper an?
  • Wann tauchen sie auf?
  • Wer oder was triggert sie?
  • Wie spricht jeder Anteil innerlich?

Erst wenn man sie gut kennt, kann man schneller zwischen ihnen wechseln. Dr. Taylor selbst kann inzwischen, wie sie sagt, „in einem Moment“ zwischen allen vier springen — weil sie sie so gut kennt.

Bewusstsein beginnt oft damit, überhaupt zu merken, wer in uns gerade spricht.

Das Problem: Dauerhaft im Kontrollmodus

Viele von uns leben fast ausschließlich im linken Denkanteil.

Wir organisieren, optimieren, leisten — und zwar permanent.

Aber kein Nervensystem ist dafür gemacht, dauerhaft im Kontrollmodus zu laufen.

Deshalb braucht es den bewussten Wechsel.

Wie sieht so ein Wechsel konkret aus?

Nehmen wir an, dein Chef sagt nach einem Vortrag zu dir: „Die Präsentation war inhaltlich gut, aber an einigen Stellen nicht ganz klar.“

Vielleicht kennst du diesen Moment. Eigentlich war die Rückmeldung gar nicht vernichtend. Vielleicht war sie sogar wohlwollend gemeint. Aber in dir passiert trotzdem sofort etwas.

Ein Teil in dir hört nicht: „Da gibt es noch etwas zu verbessern.“
Er hört: „Ich war nicht gut genug.“

Das ist der linke emotionale Anteil. Er macht aus einer sachlichen Rückmeldung sehr schnell eine Frage deines Wertes. Aus einem Satz über deine Präsentation wird plötzlich ein Satz über dich.

Und dann springt oft sofort der linke denkende Anteil dazu. Er möchte das Problem lösen, kontrollieren und verhindern, dass so etwas noch einmal passiert. Innerlich klingt das dann vielleicht so: „Das darf nicht passieren. Beim nächsten Mal muss es perfekt sein.“

Und plötzlich entsteht Druck.

Wenn du das Modell von Dr. Jill Bolte Taylor kennst, kannst du an genau dieser Stelle einen Schritt zurücktreten. Nicht, indem du das Gefühl wegdrückst. Und auch nicht, indem du dir sofort einredest, dass alles halb so schlimm ist. Sondern indem du zuerst wahrnimmst, was gerade in dir passiert.

Vielleicht spürst du eine Enge im Brustkorb. Vielleicht Anspannung im Bauch. Vielleicht Hitze, Scham oder diesen kleinen inneren Rückzug.

Und statt das alles sofort zu bewerten, nimmst du es einfach wahr.

Genau hier kommt der rechte emotionale Anteil ins Spiel. Er fragt nicht sofort: „Was muss ich tun?“ Er fragt eher: „Wie fühlt sich das gerade an?“ Und allein dadurch kann sich dein System beginnen zu regulieren.

Erst wenn es innerlich etwas ruhiger wird, kannst du dich fragen: „Was wurde wirklich gesagt — und was war eigentlich gemeint?“

Vielleicht wollte dein Chef dich gar nicht abwerten. Vielleicht wollte er deine Arbeit klarer machen, damit sie noch stärker überzeugt. Vielleicht sieht er sogar dein Potenzial und möchte, dass du es noch deutlicher zeigst.

Jetzt bist du im rechten denkenden Anteil. Du erkennst Zusammenhänge. Du siehst Möglichkeiten statt nur Bedrohung. Und plötzlich verändert sich die Bedeutung der Situation.

Aus „Ich bin nicht gut genug“ wird: „Da ist Entwicklungspotenzial.“
Oder sogar: „Man traut mir etwas zu.“

Du gehst zuerst in die Regulation — und dann in die Reflexion.

Und genau darin liegt die Freiheit, von der Jill Bolte Taylor spricht: Nicht der erste verletzte Impuls entscheidet. Sondern du.

Es geht nicht darum, die linke Seite zu bekämpfen

Es geht also nicht darum, die linke Seite zu bekämpfen. Sie ist unglaublich wichtig.

Aber wenn nur zwei von vier Anteilen am Steuer sitzen, wird unser Leben eng.

Wenn alle vier mit am Tisch sitzen, entsteht innere Balance:

Struktur. Identität. Mitgefühl. Vision.

Es geht nicht darum, einen Anteil loszuwerden. Es geht darum, alle an den Tisch zu holen.

Die Entscheidung im Moment

Taylor geht sogar noch einen Schritt weiter. Das ist jetzt vielleicht eher etwas für Geübte, würde ich sagen, denn dieser Wechsel kann sonst schwer werden.

Sie sagt: Mitten im Stress kann ich kurz innehalten und denken:

Wie unwahrscheinlich ist es eigentlich, dass ich gerade hier sitze — lebendig, atmend, bewusst?

Dass Milliarden von Zellen in diesem Moment zusammenarbeiten, damit ich überhaupt existiere?

Und allein dieser Perspektivwechsel verändert etwas. Nicht, weil die äußere Situation sich sofort auflöst, sondern weil ein anderes System aktiv wird.

Plötzlich ist da mehr Raum. Vielleicht sogar ein Hauch von Staunen.

Und noch etwas: Wenn Dr. Taylor sagt, man könne sich in jedem Moment entscheiden, Dankbarkeit oder Ehrfurcht zu empfinden, dann meint sie nicht, dass man sich etwas vormachen soll.

Sie meint, dass wir das Netzwerk aktivieren können, das Weite und Verbundenheit wahrnimmt.

Nicht, weil die Situation sofort anders wird — sondern weil ein anderes System in uns aktiv wird.

Was für eine Freiheit

Wie immer ist die Frage: Was möchte ich? Wer möchte ich sein?

Vielleicht sind es genau solche Konzepte wie von Dr. Taylor, die uns bewusster für unser Denken und Handeln machen. Und die uns zeigen, dass wir die Kraft haben, Moment für Moment zu wählen, wer und wie wir sein möchten — unabhängig von äußeren Umständen.

Nicht der erste verletzte Impuls entscheidet. Sondern du.

Was für eine Freiheit.

Ich wünsche dir wie immer alles Liebe.


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